Villgraten-Gsies

Ins Gsies wurde vor allem Vieh geschmuggelt, wobei es nur Einzelne gab, die dies professionell machten. Meist wurde es von den Bauern wie seit jeher üblich, einfach über die alten Besitzgrenzen getrieben. Dies war ein lukratives Geschäft für die Villgrater, da es im Gsiesertal viel teurer verkauft werden konnte. Bis Mitte der 60-er Jahre wurde das Vieh geschmuggelt, danach bekamen die Rinder zur Erleichterung der Kontrollen eine Markierung ins Ohr und auch die Viehpreise glichen sich nach und nach an. Somit wurde der illegale Transport über die Grenze aufgegeben. Vor allem nach dem 1. Weltkrieg, als Südtirol zu Italien kam, wurden Lebensmittel geschmuggelt. Eine beliebte Ware in Gsies war Zucker (Würfelzucker, Staubzucker), Saccharin und Kaffee, welche in Österreich um einiges billiger zu haben waren. Zu dieser Zeit wurden auch Tabak und Zigaretten (Kautabak, Pfeifentabak „Landtabak“, Zigaretten „Austria 3“, Memphis) sowie Zündsteine und Feuerzeuge erfolgreich hinübertransportiert. Petroleum wurde in 25l Kannen gefüllt, auf eine Tragevorrichtung („Kraxe“) geschnallt und so über die Grenze gebracht. Mit diesem Vorrat kam man 1 Jahr aus. Weiters schmuggelte man Schaf- und Ziegenfelle und auch der Verkauf einer Rindshaut nach Italien war für die Villgrater lohnenswert, er brachte gleich viel Geld wie eine lebende Kuh in Villgraten.

Gsies-Villgraten

Anfang des 19. Jahrhunderts, als Villgraten zu den illyrischen Ländern gehörte, gab es dort nur graues Meersalz. Das weiße Salz der Haller Saline war aber sehr begehrt, die Einfuhr jedoch streng verboten - also wurde es geschmuggelt. Nach dem 1. Weltkrieg wurden von Gsies die in Villgraten sehr begehrten seidenen Schürzen für das „pairische Gewand“ sowie Tücher, Zwirn und blaue Arbeitsschürzen für Männer auf „inoffi ziellem Wege“ über die Grenze gebracht. Lebensmittel bzw. Genussmittel, die ins Villgratental „getauscht“ wurden, waren hauptsächlich Polentamehl (Maismehl), Reis und Wein, der in großen Korbflaschen (Pumper, Panzelen bis zu 25l) transportiert wurde. Ebenfalls sehr begehrt waren dort italienische Schuhe. Im 2. Weltkrieg erhielt man Stoff und Kleider in Villgraten nur mit Karten. Das war ein Grund, um sich das Notwendigste auf anderem Wege in Gsies zu besorgen. Um diese Zeit war in Österreich auch Tabak rationiert. Man hat ihn deshalb selbst „schwarz“ angebaut oder er wurde aus Italien herübergeschmuggelt. Der Tabakbund wurde dann selbst geschnitten, daraus hat man sich die Zigaretten „gewuzelt“.

Zöllner

Im Gsiesertal waren nach dem 1. Weltkrieg 20-30 Zöllner, die sog. „Finanzieri“ stationiert, die in der Volksschule von St. Magdalena untergebracht waren. Sie führten scharfe Kontrollen durch. So wurden beispielsweise Milchkannen beim Heimgehen von der Sennerei besichtigt oder die „Birl“ wurden beim Heuziehen durchstochert. Ende der 60- er Jahre gab es in Gsies keine Zöllner mehr. Aber wenn man auf österreichischer Seite erwischt wurde, erhielt man saftige Strafen. Im Villgratental hingegen waren nur bis zu 8 „Finanzer“ im Einsatz. Sie waren in Innervillgraten in eigens errichteten „Zollhäusern“ stationiert, wo sie mit ihrer gesamten Familie wohnten. Es wird erzählt, dass es mit ihnen meist keine Schwierigkeiten gab, nur vereinzelt waren „Scharfe“ (Strenge) dabei. Sie erweckten manchmal den Eindruck, dass sie den Schmugglern nach dem Motto: „Leben und leben lassen“ oft absichtlich auswichen. Provozierendes Verhalten wurde von ihnen aber nicht geduldet. Als das Schmuggeln Anfang der 70-er Jahre immer seltener durchgeführt wurde, beendeten die „Finanzer“ auch hier ihren Dienst. Auf beiden Seiten wurde bisweilen auch gezielt geschossen, wodurch es manchmal Verletzte gab.

Historisches

Die Schmuggelzeit war nur eine kurze Periode in der Geschichte beider Talschaften. Grenzen, über die geschmuggelt wurde, gab es nur in kurzen Zeitabschnitten: Von 1810 bis 1813/14, in der Zeit der „napoleonischen Kriege“, wurde die Region, die vorher Bayern unterstand, aufgeteilt. Das Gebiet nördlich von Meran und Klausen (bis zu den Gsieser Bergen) blieb bei Bayern, der südliche Bereich kam zum Königreich Italien und das östliche Pustertal vom Toblacher Feld abwärts (inkl. Villgraten) zu den illyrischen Provinzen Frankreichs. Abermals zum Grenzgebiet wurde die Region nach dem 1. Weltkrieg. Im Jahre 1919, durch die Unterzeichnung des Vertrages von St. Germain, wurde Südtirol dem Nachbarstaat Italien zugesprochen. In den 70-er Jahren hörte das Schmuggeln nach und nach auf. Die Preise für das Vieh, bis dahin ein begehrtes Schmuggelgut, glichen sich immer mehr an und die 1965 neu eingeführte Markierung im Ohr jedes Tieres erschwerte diese Art des Viehhandels. Auch bei den anderen Waren war der illegale Transport über die Grenze mit der Zeit nicht mehr rentabel.

Schmuggler

Das Wort Schmuggeln lässt sich vom niederdeutschen „smuggel“ herleiten und bedeutet so viel wie „sich schleichend, sich geduckt bewegen“.
Das Schmuggeln wurde vom Volk eigentlich nicht als Vergehen angesehen. Besonders in den Kriegszeiten bzw. zwischen den Weltkriegen wurde vielfach aus Not geschmuggelt. Lebensmittel wie Reis und Polentamehl waren in diesen Zeiten zur Ernährung der Großfamilien überlebensnotwendig. Oft wurden Waren von hüben und drüben einfach eingetauscht. Es wird erzählt, dass man sich mit dem Hirten der anderen Talschaft traf und dann ausredete, welche Sachen man benötigte und was der andere dafür erhalten sollte. Nach ein bis zwei Tagen wurden die Waren dann ausgetauscht. Für eine Rindshaut gab es beispielsweise ein Paar der begehrten italienischen Halbschuhe, für ein Ziegenfell erhielt man eine seidene Schürze. Das Schmuggeln brachte aber auch Abenteuer, Lebensgefahr und schnelles Geld. Ein Vermögen machte aber keiner damit. Es wurde hauptsächlich von jungen Männern durchgeführt, die sich manchmal zur Tarnung die Gesichter schwärzten.

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